Gespräch mit Dr. Christel Quick und Verena Meyer von IHP

Das IHP (Innovations for High Performance Microelectronics), Leibniz-Institut für innovative Mikroelektronik, erforscht und entwickelt drahtlose Kommunikations- technologien für die Kommunikations- und Mikroelektronikindustrie sowie Lösungen für die Automobilbranche, die Luft- und Raumfahrtbranche und  für Unternehmen im Bereich der Lebenswissenschaften. Als europäisches Forschungs- und Innovationszentrum arbeitet das IHP eng mit Hochschulen und Partnern aus der Industrie zusammen, um Ergebnisse der Grundlagenforschung bis zu industriell relevanten Prototypen weiterzuführen.

Das Gespräch  wurde mit Dr. Christel Quick, Leiterin der Personalabteilung, und Verena Meyer, Assistentin der administrativen Geschäftsführung, geführt.

 

Als Forschungsinstitut der Leibniz-Gemeinschaft sind Sie international tätig. Viele Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter  kommen aus dem Ausland. Könnten Sie dies mit Zahlen veranschaulichen?

Dr. Quick: 53 Wissenschaftler/innen, also fast die Hälfte des wissenschaftlichen Personals, kommen aus 20 verschiedenen Ländern. Insgesamt sind bei uns ca. 260 Mitarbeiter/innen beschäftigt.

Sie sind als eines der 6 Leibniz-Institute am Programm „Spitzenforschung und Innovation in den Neuen Ländern“ beteiligt.  Was bedeutet für Sie Diversity und was hat das mit einem Forschungsinstitut für Mikroelektronik wie IHP zu tun?

Dr. Quick: In unserem Arbeitsalltag  gebrauchen wir nicht explizit den Begriff „Diversity“ oder „Diversity Management“. Aber „Diversity Management“ als Konzept findet sich in einigen unserer Aktivitäten wieder. Dazu zählen  regelmäßig stattfindende Deutschkurse, in denen die Teilnehmer/innen nicht nur die deutsche Sprache erlernen oder vertiefen, sondern auch etwas über die Kultur ihres Gastlandes erfahren. Unsere Mitarbeiter/innen werden für diese Zeit von der Arbeit freigestellt; auch die Kurskosten werden von uns übernommen. Bei der Durchführung arbeiten wir eng mit der Viadrina Sprachen GmbH zusammen. Darüber hinaus führen wir für alle neuen Mitarbeiter/innen – egal welcher Herkunft – eintägige Seminare zum Thema „Cultural Awareness“ durch, für die wir ebenfalls eine Expertin auf diesem Gebiet verpflichten konnten. Neben den Fragestellungen zur  „Cultural Diversity“ befassen wir uns am Institut natürlich auch mit Fragen der Gleichstellung, die ja ebenfalls zum „Diversity Management“ gehören, hier aber nicht im Mittelpunkt stehen.

Gibt es immer die gleichen Seminare oder variieren sie je nach Teilnehmern?

Dr. Quick: Für die Tagesseminare „Cultural Awareness“ gab es zunächst unterschiedliche Konzepte. Sie wurden sowohl für unsere ausländischen Mitarbeiter/innen, die weniger als ein Jahr am IHP arbeiten, als auch für Führungskräfte und für deutsche Mitarbeiter/innen angeboten. Nach dieser Pilotphase  führen wir nun regelmäßig “Cultural Awareness“-Seminare durch, an denen die neu eingestellten ausländischen und deutschen Mitarbeiter/innen gemeinsam teilnehmen. Mit der Konzeption und Umsetzung der Seminare wurde von uns Frau Prof. Dr. Jasmin Mahadevan von der Fachhochschule Pforzheim beauftragt.

Werden diese „Cultural Awareness“-Seminare ausgewertet?

Dr. Quick: Die Erkenntnisse aus diesen Seminare fließen in ein Forschungsprojekt von Frau Prof. Dr. Mahadevan ein. Selbstverständlich ist auch unser Leitungsteam an der Auswertung interessiert.

In welcher Sprache finden die „Cultural Awareness“-Seminare  statt?

Dr. Quick: Im wissenschaftlichen Bereich ist unsere Kommunikationssprache überwiegend Englisch. Alle Teams sind international zusammengestellt, demzufolge finden auch die o.g. Seminare zum Teil in Englisch statt.

Prof. Dr. Wolfgang Mehr, Wissenschaftlich-Technischer Geschäftsführer Ihres Instituts, gehört seit diesem Jahr zu den  Wissenschaftsbotschaftern des Landes Brandenburg. Die Botschafter werben für Brandenburg als Investitionsstandort. Welche Maßnahmen treffen Sie zur Erhöhung der Attraktivität des Standortes Frankfurt (Oder) für Ihre Mitarbeiter?
 

Meyer: Wir sind ein Spitzeninstitut mit einer sehr guten Ausstattung und international anerkannten Wissenschaftler/innen. Schon dieser Faktor alleine spricht für sich. Wenn wir für den Standort werben, spielt darüber hinaus die Verbindung von reizvoller Natur  mit der räumlichen Nähe zu Berlin auch eine große Rolle. Sehr wichtig sind auch unsere guten Kontakte zu der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus (BTU) sowie zur TU Berlin, zur TFH Wildau und weiteren Brandenburger und Berliner Hochschulen. Hier sind unser Wiss.-Techn. Geschäftsführer, Herr Prof. Mehr, sowie unsere Abteilungsleiter Herr Prof. Kraemer und Herr Prof. Tillack neben weiteren IHP-Kollegen auch in der Lehre tätig.

Fühlen sich Ihre ausländischen Mitarbeiter wohl in Frankfurt (Oder)?

 Dr. Quick: Ja, unsere ausländischen Mitarbeiter/innen fühlen sich sehr wohl bei uns. Das Suchen und Finden einer Wohnung  für ausländische Mitarbeiter/innen ist allerdings nicht immer einfach gewesen. Häufig waren die Wohnungsagenturen noch „ungeübt“ im Umgang mit ausländischen Wohnungssuchenden.

Wie haben Sie dieses Problem gelöst?

Dr. Quick: Das Institut hat mehrere Wohnungen angemietet und stellt diese zeitlich befristet den Mitarbeitern/innen gegen Kostenbeteiligung zur Verfügung. Spätestens nach einem Jahr wird erwartet, dass die Kollegen/innen in eine eigene Mietwohnung wechseln. Bei der Suche und dem Vertragsabschluss sind wir selbstverständlich behilflich.

In Potsdam gibt es bei der Stadtverwaltung einen Welcome-Service für ausländische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die für einen bestimmten Zeitraum in Potsdam tätig sind. Die Botschaft lautet „You are welcome to Potsdam“. Wie sieht die Situation in Frankfurt aus?

Dr. Quick: Potsdam ist in dieser Hinsicht sicherlich ein Benchmark. Ich würde sagen, Frankfurt (Oder) ist auf einem guten Weg dorthin. Bei der Vorstellung unseres Institutes und unserer Arbeit sind wir auf sehr interessierte Mitarbeiter/innen der Behörde getroffen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass dieser Austausch die Kommunikation wesentlich besser gestaltet hat. Einen Wunsch hätten wir jedoch noch: Wir würden uns beim Bürgerservice ein wenig  mehr englischsprachiges Personal wünschen.  Insgesamt zeigt das Potsdamer Modell, was in Brandenburg möglich ist.

Was kann hier Ihr Institut konkret zur Integration in Frankfurt beitragen?

Dr. Quick: Das IHP versucht nicht nur auf der „grünen Wiese“, fern der Innenstadt zu forschen und zu entwickeln, sondern sich auch am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Zum Schwerpunkt Bildung können wir sicherlich viel beitragen. Wir kooperieren in vielen Bereichen mit dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Gauß-Gymnasium. Wir betreuen beispielsweise Schüler/innen, die ihre Ideen bei dem bundesweiten Wettbewerb „Jugend forscht“ einreichen wollen. Jeder Schüler/jede Schülerin  kann sich bei uns um ein 2-wöchiges Schülerpraktikum bewerben. Auch im Bereich Sport sind wir aktiv. Wir organisieren jährlich ein Fußballturnier von Mannschaften aus verschiedenen Frankfurter Unternehmen. Einmal im Jahr laden wir zum „Tag der offenen Tür“ in unser Institut ein. Es gibt Führungen und viele Vorträge für Erwachsene, aber auch speziell für Kinder.

Das Thema „Menschen mit Migrationshintergrund“ ist in den meisten Unternehmen unumgänglich geworden. Wie stark beeinflussen ethnische und religiöse Unterschiede das IHP und wie wird sich das in Zukunft weiterentwickeln?

Meyer: Auch viele unserer deutschen Mitarbeiter/innen haben bereits Erfahrungen im Ausland gesammelt und wissen, was es heißt, sich in einer neuen Umgebung, einer neuen Kultur einzuleben. Die offene und kommunikative Atmosphäre am IHP fördert diesen Prozess. Er wird durch die erwähnten „Cultural Awareness“-Seminare unterstützt.  Wir versuchen auch durch bestimmte Rahmenbedingungen den gegenseitigen Austausch zu fördern, z.B. gibt es kostenfreien Kaffee für eine gemeinsame Nachmittagspause; das regt an, zum Austausch zusammenzukommen und vielleicht auch dabei Dinge anzusprechen, bei denen es Fragen gibt.  Oft sind es kleine Dinge, die neben den offiziell verabschiedeten Papieren, eine Institutskultur zeigen.

Welche Art von Missverständnissen gibt es bei Ihnen?

Dr. Quick: Manche Mitarbeiter/innen haben schon verwundert geguckt, wenn muslimische Wissenschaftler ihre Gebetsteppiche ausrollten oder rituelle Waschungen durchführten. Das hängt oft damit zusammen, dass viele zum ersten Mal so direkt mit einer fremden Religion konfrontiert wurden. Wir stellen zu  den gewünschten Zeiten einen Raum in unserem Hause zur Verfügung. Gebete und Gebetszeiten sind zum Beispiel Themen, die unsere Mitarbeiter/innen in den Seminaren bei Frau Prof. Dr. Mahadevan angesprochen haben. Ihnen wurde Mut gemacht, auf die muslimischen Mitarbeiter/innen zuzugehen und interessiert nachzufragen. Es stellte sich heraus, dass es für beide Seiten „befreiend“ war, in den Austausch zu treten und somit einander besser zu verstehen. Manche Missverständnisse, die durch interkulturelle Unterschiede hervorgerufen werden, sind auf den ersten Blick nicht so sehr sichtbar. Im Laufe des Arbeitsprozesses stellt sich jedoch heraus, dass manche Missverständnisse auf kulturelle Unterschiede zurückzuführen sind und eine Klärung wichtig ist.

Können Sie Beispiele für diese unsichtbaren Unterschiede anführen?

Dr. Quick: Ein Kollege, der aus einem Land mit einem sehr warmen Klima kam, konnte nicht verstehen, dass er acht Stunden hintereinander, nur unterbrochen durch eine kurze Mittagspause, arbeiten musste. Das hat sich als Missverständnis herausgestellt. In seinem Herkunftsland hatte er wegen extrem hoher Temperaturen – wie in diesen Ländern üblich – eine längere Mittagspause gehabt. Die Arbeitszeit wurde nach hinten verschoben.  Mit der bei uns am IHP praktizierten Gleitzeitregelung ist das kein Problem.

Frankfurt (Oder), 24.07.09

Julia Lexow-Kapp

 

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