Gespräch mit Heinz Lindecke, Geschäftsführer von Ardelt

Ardelt Eberswalde ist eine Zweigniederlassung der Kirow Ardelt AG. Ardelt ist Weltmarktführer für Doppellenker-Krane und produziert unter anderem Containerbrücken, Drehkrane, Portalkrane und Verladebrücken. Das Unternehmen hat sich auf die Bewegung von schweren Lasten unter extremen Einsatzbedingungen von – 50 °C in Kältegebieten bis +50 °C in den Tropen spezialisiert. 2000 wurde Ardelt mit dem Innovationspreis Berlin-Brandenburg ausgezeichnet. Bei Ardelt Eberswalde sind 185 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, davon ca. 10% mit Migrationshintergrund.

Das Gespräch wurde am 24.09.09 mit Heinz Lindecke, Geschäftsführer von Ardelt Eberswalde geführt.

Sie sind als Weltmarktführer für Dopellenker-Krane in der ganzen Welt tätig. Anfang 2009 erfolgte die Übergabe von zwei der weltweit größten Ardelt-Doppellenkerdrehkrane in Qatar. Die Abwicklung von solchen internationalen Großprojekten erfordert eine hohe interkulturelle Kompetenz der Mitarbeiter. Was in Deutschland zum guten Ton gehört, kann in Quatar falsche Signale setzen und zu Missverständnissen führen. Wie kommen diese unterschiedlichen Kulturen auf Baustellen miteinander klar?  

Heinz Lindecke: Unser Umsatz kommt zu 90% aus Export- und zu 10 % aus inländischen Aufträgen. Wir unterhalten im Ausland unsere eigenen Büros, in denen Mitarbeiter aus der jeweiligen Region beschäftigt sind. Sie arbeiten mit Firmen vor Ort zusammen und überwachen den gesamten Fertigungsprozess. In der Montagephase kommt unser Supervisor aus Deutschland.

Werden Ihre Mitarbeiter für die Auslandseinsätze vorbereitet? Wenn ja, wie?

 

Heinz Lindecke: Dadurch dass wir vor Ort lokale Arbeitskräfte beschäftigen, müssen wir sie nicht auf Auslandseinsätze vorbereiten. Für unser Personal hier in Eberswalde übernehmen wir die Kosten für den Sprachunterricht in Englisch und Spanisch. Die Kurse finden jedoch außerhalb der Arbeitszeit statt.

Sie sind Preisträger des „Innovationspreis Berlin-Brandenburg“ für die technologische Entwicklung eines kompakten, mobilen Brückenkrans (FEEDER SERVER) – in seiner Konzeption und Ausführung eine Weltneuheit. Waren die Teams international besetzt? Wie verlief die Zusammenarbeit?

 

Heinz Lindecke: Die Teams sind zwangsläufig international besetzt, da die Entwickler aus der ganzen Welt kommen. Bei der Einstellung achten wir darauf, dass Deutschkenntnisse vorhanden sind. Englisch ist auch erforderlich, aber unsere Betriebssprache ist Deutsch. Das betrifft auch die Pausen.

 

Wie würden Sie Ihre Belegschaft hier am Standort Eberswalde beschreiben?

 

Heinz Lindecke: Am Standort Eberswalde sind insgesamt 185 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Ca. 10% der Beschäftigten haben einen Migrationshintergrund. Der Frauenanteil ist mit 30% ziemlich hoch im Vergleich zum Durchschnitt in unserer Branche. Der Betrieb hat einen guten Ruf in der Region, so dass wir so gut wie keine Personalfluktuation haben. Aber ich denke, die Bodenständigkeit der Brandenburger spielt dabei auch eine positive Rolle.

 

Welche Rolle spielen ethnische und religiöse Unterschiede der Arbeitnehmer in Ihrem Unternehmen und wie wird sich das in Zukunft weiterentwickeln?

 

Heinz Lindecke: Wir stellen uns auf kulturelle Unterschiede unserer ausländischen Mitarbeiter ein und berücksichtigen sie in unserer täglichen Arbeit. Umgekehrt passen sich ausländische Mitarbeiter an die deutsche Mentalität an.

Könnten Sie dafür konkrete Beispiele anführen?

 

Heinz Lindecke: Wir haben beispielsweise einen Beratungsraum mit niedrigen Sitzgelegenheiten eingerichtet, der eher arabischen Vorstellungen entspricht. Bei der Gestaltung von Toiletten werden muslimische Hygienevorschriften berücksichtigt. Während des islamischen Fastenmonats Ramadan wissen wir, dass die Leistungsfähigkeit sinkt und ausländische Geschäftspartner die vereinbarten Termine nicht immer einhalten. Wenn wir im Ausland tätig sind, werden wir von unseren lokalen Mitarbeitern über regionale Besonderheiten informiert. In Vietnam sollte man beispielsweise vor jedem Geschäftsabschluss fragen, ob die Sterne gut stehen, und als Zeichen des Vertragsabschlusses Früchte zum Buddha-Tempel bringen. Wenn sie dann von Buddha nicht abgeholt wurden, holt man sie selbst zurück.

Große Unternehmen wie Ford und VW praktizieren schon seit langer Zeit Diversity Management, aber auch in KMUs wird dieses Konzept immer mehr eingesetzt. Oft ist es mit anderen Managementkonzepten verbunden. Gibt es bei Ihnen Diversity Management?

 

Heinz Lindecke: Wir betreiben Diversity Management nicht explizit als Programm. Es ist uns bewusst, dass gemischte Teams positive Effekte erzeugen können. Wenn wir z.B. in Marokko eine Frau im Vertrieb einsetzen, kann schon dieser Umstand  allein positive Auswirkungen haben.

In Ihrer Region gibt es immer weniger Schulabgänger: gab es im Jahr 2003 in den Landkreisen Barnim und Uckermark noch 5212 Schulabgänger an allgemeinbildenden und berufsfachlichen Schulen, so waren es 2009 noch rund 3277. Diese Zahl wird bis 2020 nicht mehr erreicht, sondern pegelt sich voraussichtlich auf etwa 2700 ein[1]. Wie stellen Sie sich auf den Fachkräftemangel ein?

Heinz Lindecke: In Bezug auf unseren Betrieb können wir keinen akuten Fachkräftemangel erkennen. Für einen Ausbildungsplatz bewerben sich bei uns bis zu 20 Bewerber. Leider ist die Qualität der Bewerber in der letzten Zeit stark abgesunken. Wir fordern mindestens die Note „3“ in naturwissenschaftlichen Fächern.

Sprechen Sie die Schulen gezielt an?

Heinz Lindecke: Über das lokale Netzwerk Metall bieten wir den Schulen Informationstage an. Die Schüler können sich dabei mit unseren Auszubildenden vor Ort austauschen. Leider ist die Resonanz in den Schulen nicht besonders hoch: 2009 haben nur 15 Schüler daran teilgenommen.

Wurde bei Ihnen schon einmal eine Altersstrukturanalyse durchgeführt?

Heinz Lindecke: Die Altersstrukturanalyse wurde bei uns bereits durchgeführt und ergab eine ausgeglichene Alterspyramide. Der Nachwuchs wird bei uns gezielt auf die zukünftigen Aufgaben vorbereitet, unter anderem durch die Teilnahme an speziellen Lehrgängen.

Was machen Sie, um den Standort Eberswalde für Ihre Mitarbeiter attraktiv zu machen?

Heinz Lindecke: Wir werben zwar mit der Nähe zu Berlin, aber die meisten unserer Mitarbeiter wohnen in Eberswalde.

Im Jahr 2006 ist in Deutschland das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in Kraft getreten. Spielt das bei Ihnen eine Rolle und wie wird das bei Ihnen in der Praxis umgesetzt? Haben Sie eine Beschwerdestelle?

Heinz Lindecke: Wenn sich jemand bei uns diskriminiert fühlt, kann er sich entweder beim Betriebsrat, der Personalleitung oder bei mir persönlich melden.

Herr Lindecke, vielen Dank für dieses Gespräch.

Eberswalde, 24.09.09

Julia Lexow-Kapp


[1] Bundesagentur für Arbeit; Stand 30.07.2009

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