Gespräch mit Goedele Matthyssen, Geschäftsführerin der Confiserie Felicitas

Hornow – Dresden – Potsdam

 Die Confiserie Felicitas ist ein mittelständisches Unternehmen und produziert seit 1992 in der Lausitz Schokolade und Pralinen nach belgischer Chocolatiers-Tradition in liebevoller Lausitzer Handarbeit.  Ganz klein angefangen, führt die Confiserie Felicitas heute neben dem Hauptstandort Hornow in der Lausitz weitere Verkaufsflächen mit kleiner Produktion in Dresden und Potsdam.

Wie sind Sie dort hingekommen, wo Sie jetzt sind?

Goedele Matthyssen: Das war ein langer Weg. Wir kommen aus Belgien. Für 4 ½ Jahre haben wir in Nigeria gelebt, 2 ½  Jahre davon haben wir Entwicklungshilfe geleistet und zwei Jahre waren wir geschäftlich dort. Wir hatten einen regelrechten Drang zur Selbstständigkeit entwickelt und suchten eine Marktnische und einen Platz, wo wir uns niederlassen können. Dabei war es nicht wichtig wo, Hauptsache irgendwo in Europa. Nach der Wende sahen wir uns auch in Ostdeutschland um, weil wir dort viele Marktlücken vermuteten.  Und wir fanden eine Marktlücke – handgefertigte Schokolade. Wir wollten gute selbstgemachte Schokolade nach belgischer Rezeptur produzieren und vermarkten. Vor 18 Jahren kamen wir nach Hornow mit unserer Geschäftsidee. Wir sprachen kein Wort Deutsch, keiner von uns beiden wusste, wie man Schokolade produziert, aber wir wollten aufbrechen in eine neue Welt und etwas Eigenes auf die Beine stellen. Ich bin dann zur Chocolatiersschule nach Belgien gegangen, während mein Mann hier anfing, unser Geschäft aufzubauen.

Gab es besondere Herausforderungen während Ihrer Selbstständigkeit?

Goedele Matthyssen: Ja, das Durchhalten. Ich glaube, wären wir richtige Geschäftsleute gewesen, die nur auf das Geld schauen, hätten wir schon nach zwei Jahren aufgegeben. Am Anfang schien es so, als hätten wir unsere Zeit hier verloren. Wir haben sehr zurückstecken müssen. Ich bin jahrelang Trabant gefahren, als andere Hornower ihre Trabants nach und nach los wurden. Wir hatten ein sehr einfaches Leben hier und es war nicht vorauszusehen, ob wir es wirklich schaffen. Aber die Menschen hier in Hornow wollten uns behalten, sie waren und sind so herzlich zu uns. Nach sieben Jahren in Armut – so muss man es wirklich bezeichnen – kam plötzlich die Wende. Ich glaube, die Leute wurden einfach qualitätsbewusster und waren bereit für gute Produkte mehr auszugeben. Von da an ging alles rasend schnell. Wir bauten unser Geschäft aus und wurden ernst genommen. Geholfen hat uns auch, dass ich Unternehmerin des Jahres wurde. Das war die beste Werbung, die wir bekommen konnten. Die Leute wurden neugierig und kamen nach Hornow, wollten wissen, was wir hier machen. Es wurde eingekauft und weitergesagt. Der Kundenkreis wurde immer größer und wir immer erfolgreicher.

Warum haben Sie sich 1991 für Hornow als Standort entschieden?

Goedele Matthyssen: Wir haben ein kleines Dorf gesucht. Einen Platz auf der Welt mit sehr viel Natur und Ruhe. Und wir wollten da produzieren, wo wir wohnen. Wir hatten ja vor, einmal Kinder zu haben, und wollten ihnen auch Eltern sein. Deshalb hatten wir die Idee Arbeit und Familie so gut es geht miteinander zu kombinieren. Produziert haben wir schon immer hier in Hornow, verkauft haben wir am Anfang aber in Cottbus, wo wir einen ganz kleinen Laden gemietet hatten. Es kam aber immer öfter vor, dass Nachbarn an unsere Haustür kamen, um Schokolade zu kaufen. Wir haben unsere Schokoladenprodukte am Anfang in einem Bücherregal präsentiert und so haben wir den ersten Werksverkauf für unsere Nachbarn gemacht. Das sprach sich herum, Leute aus umliegenden Orten, selbst aus Spremberg und Hoyerswerda klingelten an unserer Tür. Mein Mann und ich hatten die Idee den Werksverkauf in Hornow zu verbessern mit längeren Öffnungszeiten, einer eigenen Kasse und der ersten Verkäuferin. Eines Tages kam die erste Schulklasse, danach war klar, dass wir erweitern mussten. Heute kommen Reisebusse von überall her. Sie haben ja vorhin die Schulklasse gesehen, und jetzt ist gerade eine Seniorengruppe da. Momentan haben wir noch weitere eigene Verkaufsflächen in Dresden und in Potsdam.

 Was verbindet Sie heute mit Hornow und der Lausitz?

 Goedele Matthyssen: Das ist unser Zuhause. Wir fühlen uns als Lausitzer mit belgischem Pass.

Warum arbeiten in der Confiserie Felicitas so viele Frauen?

Goedele Matthyssen: Das ist eine Frage wert. Chocolatier ist eigentlich ein typischer Männerberuf. Ich habe ihn auch von einem Meister gelernt. Nachdem ich mit der Produktion begonnen hatte, bewarben sich schon bald zwei Frauen aus Hornow. Sie waren absolut berufsfremd, vorher arbeiteten sie bei der LPG. Dann kamen die dritte und die vierte Frau. Wir hätten auch Männer eingestellt, aber wir waren damals so klein, dass wir nur einen Umkleideraum hatten. Deswegen arbeiten heute vorwiegend Frauen hier. Chocolatier ist ein sehr kreativer Beruf, der viel Geschick und Übung erfordert. Ich glaube, die Frauen hier sind deshalb so geschickt, weil sie schon von Kindesbeinen an sorbische Ostereier bemalen. Sorbisch wird hier zwar nicht gesprochen, aber das traditionelle Ostereier bemalen wird liebevoll gepflegt und von Generation zu Generation weitergegeben. Das ist richtiges Kunsthandwerk. Wir sind aber wirklich froh, wenn bei so vielen Frauen auch Männer dazu kommen, das ist gut fürs Betriebsklima. Heute beschäftigen wir drei Männer, einen Produktionsleiter, einen Hausmeister und einen Sachbearbeiter im Büro.

Wie schaffen Sie es geeignetes Personal nach Hornow zu holen, wo andere Unternehmen im Land Brandenburg schon verzweifelt Fachkräfte suchen? Welche Rolle spielen dabei weiche Standortfaktoren, wie Kitas, Schulen, ärztliche Versorgung, kulturelle Angebote etc.?

Goedele Matthyssen: Chocolatier ist in Deutschland kein Ausbildungsberuf, von daher gibt es eigentlich gar kein ausgebildetes Fachpersonal. Wir machen Hochmotivierte zu Fachpersonal, wir bilden sie einfach selbst aus. Unser Betrieb genießt in der Gegend hohes Ansehen und die Leute wissen, dass es eine Chance auf dauerhafte Beschäftigung ist, wenn sie bei uns eine Anstellung bekommen. Wir entlassen nur, wenn es wirklich nicht anders geht. Das ist bisher ganz selten vorgekommen.

Die Confiserie Felicitas wurde im März 2010 als Familienfreundliches Unternehmen ausgezeichnet. Wie setzen Sie in Ihrem Unternehmen Familienfreundlichkeit um?

Goedele Matthyssen: Wir haben familienfreundliche Arbeitszeiten. Die Produktion läuft von Montag bis Freitag von 7.00 bis 15.30 Uhr. Eine Spätschicht haben wir nur in der Schauwerkstatt. Im Wechsel arbeiten hier ein paar Leute bis maximal 18.00 Uhr. An den Wochenenden ist frei und auch, wenn es familiäre Angelegenheiten zu bewältigen gibt. Bei Bedarf kann auch flexibel gearbeitet werden, z.B. Arbeitszeit vor- oder nacharbeiten. Wir unterstützen hier nicht nur die Eltern, sondern auch die Großeltern, die sich um die Enkelkinder kümmern möchten oder müssen. Und dass wir das konsequent so machen, wird auch auf die Firma zurück projiziert. Unsere Leute sind wirklich hochmotiviert und fühlen sich mit dem Unternehmen verbunden. Mein Mann und ich haben auch drei Kinder und wohnen mit ihnen in diesem Haus über der Produktion. Wir wissen, wie es ist, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

Wie schaffen Sie es, dass Kunden und Beschäftigte so zufrieden sind?

Goedele Matthyssen: Mit Schokolade ist das doch ziemlich einfach, oder? Wir haben einfach ein sehr schönes Produkt und sehen uns als Dienstleister. Die Kunden wollen immer wieder etwas noch Exklusiveres, noch Schöneres z.B. zum nächsten Geburtstag verschenken. Die Kunden kommen mit ihren Ideen oder Fotos und unsere Angestellten setzen das so gut um, dass die Kunden begeistert sind und gerne wiederkommen. Und die Mund-zu-Mund-Propaganda ist eine der besten Werbemöglichkeiten für uns.

Sie verkaufen Ihre Schokolade deutschlandweit in 500 Geschäften. Ist das Schokolade aus Ostdeutschland oder belgische Schokolade aus Deutschland oder einfach Felicitas-Schokolade?

Goedele Matthyssen: Felicitas ist die Schokoladenseite der Lausitz. Regionalität ist für uns sehr wichtig. Wir haben eine Weile überlegt, ob es ankommt, mit der Schokoladenseite der Lausitz zu werben. Jetzt haben wir unser Logo um Hornow – Dresden – Potsdam erweitert, da dort die Hauptgeschäfte sind und weil es eine witzige Anspielung auf New York – London – Rom sein soll. So wie es die großen Mode- und Kosmetiklabels gerne anpreisen. Ministerpräsident Platzeck hat mich auf der Grünen Woche gefragt, ob ihm da bisher eine Landeshauptstadt entgangen sei. In den Geschäften wird unsere Schokolade als Lausitzer Spezialität akzeptiert. Man kennt die Vorgeschichte, dass wir belgische Inhaber sind, dass es belgische Rezepturen sind, aber die Frische und Kreativität, das bezeichnet die Lausitz. Wir sind stolz auf das, was wir hier geschaffen haben. Es ist besser mit Schokoladenseite Lausitz zu werben, als mit belgischer Schokolade, weil dieser Name sehr viel missbraucht wird. In den Supermärkten bekommt man industrielle Massenware mit der Bezeichnung Belgische Schokolade, wo keine handwerkliche Qualität dahinter steht.

Würden Sie gerne international handeln? Spielt die Nähe zu Polen eine Rolle?

Goedele Matthyssen: Wir sind zufrieden, unsere Kapazität ist ausgelastet. Wir haben bereits polnische Kundschaft. Momentan verzichten wir noch auf polnische Etikettierungen, obwohl schon so viele Reisebusse aus Polen zu uns kommen. Aber für die Zukunft ist es nicht ausgeschlossen, dass wir auch den polnischen Markt bedienen. In der vorigen Saison hatten wir die erste Saisonkraft aus Polen beschäftigt. Wenn es sich ergibt, werden wir auch Polen beschäftigen, zu den gleichen Konditionen wie unser bisheriges Personal.

Wie würde sich Goedele Matthyssen in einem Satz selbst beschreiben?

Goedele Matthyssen: So wie ich arbeite. Ich bin lebenslustig, ich lebe sehr gerne und ich bin Hans-Dampf-in-allen-Gassen, sehr impulsiv, natürlich und immer direkt.

 Frau Matthyssen, vielen Dank für dieses Gespräch!

Frau Matthyssen berichtet über ihren Mitarbeiter Tika Nepali

„Es gibt genug deutsche Arbeitslose, wieso stellen die dann Ausländer ein? So etwas wurden wir von den Leuten hier gefragt. Vor einiger Zeit sprach uns der Landrat an, ob wir einen Flüchtling für mindestens ein Jahr beschäftigen könnten. Es war kurz vor dem Sommer, unsere Auftragslage war stabil. Wir hatten keine Stelle frei, aber das hat wirklich unsere Herzen berührt, denn wir sind selbst vor 17 Jahren aus Belgien zugewandert und hatten viele Hürden zu überwinden“, erzählt Goedele Matthyssen, Inhaberin und Geschäftsführerin der Confiserie Felicitas in Hornow (Lausitz). Die Confiserie Felicitas produziert seit 1992 in der Lausitz Schokolade und Pralinen nach belgischer Chocolatiers-Tradition in liebevoller Lausitzer Handarbeit.

Im April 2009 kommt Tika Nepali, der aus Nepal geflüchtet war, zur Confiserie Felicitas. Er war Analphabet und 60 Jahre alt. Erstmals seit er in Deutschland lebt, hatte er eine Anstellung.

„Obwohl manche Angestellten uns das wirklich direkt böse genommen haben und es auch im Dorf komische Bemerkungen gab, sagten wir: wir machen es, wir setzen uns jetzt durch. Unsere Bürgermeisterin hat mir erzählt, dass beim Dorffest Leute auf sie zukamen und sie fragten: warum arbeitet da jetzt ein kleiner Schwarzer? Obwohl wir doch selber Ausländer sind, fragten sie so. Zu mir sagten sie immer: für uns seid ihr keine Ausländer. Ich antworte zurück: soll ich euch meinen Pass zeigen? Ich bin stolz darauf Belgierin zu sein. Ich bin Ausländer in Deutschland und erfolgreich. Wieso seid ihr immer noch keine Deutschen, fragen sie dann. Ihr seid schon so lange hier. Wieso sollen wir Deutsche sein? Na jeder will doch Deutsch sein. Es gibt hier allerdings keine weiteren Ausländer, wir sind die einzigen. Wir sind total integriert in Hornow, wir gehören dazu, das ist das Schöne“, sagte sie.

„Am Anfang haben die Kollegen auf Tika geschimpft, weil er nicht zuhörte und er sich nichts sagen ließ, aber dann hat er seine Arbeit doch sehr gut geschafft und das Beste daraus gemacht. Es ist eine echte Herausforderung gewesen, ihn zu integrieren. Und ich würde sagen, ich würde es wieder machen. Diese Erfahrung war auch gut für unser Team – man setzt ein Zeichen – alle Menschen sind gleich und sie dachten mal darüber nach, denn es ist in der Lausitz echt nicht so einfach. Ich war wirklich sehr dankbar, dass wir ihn beschäftigt haben, sonst wär er wirklich des Landes verwiesen worden. Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas richtig Gutes tun konnte. Jetzt hat er eine Aufenthaltsgenehmigung und war auch schon zu Besuch bei seinen Verwandten im Himalaja“, sagte Matthyssen.

Als er dann drei Wochen im Urlaub war, fragten die Mitarbeiter schon: ist Tika nicht da? Wer macht denn jetzt unsere Bruch-Schokolade? „Tika fehlte also. Wenn er nicht da war, gab es ein Problem. Wir dachten, dass wir mit der Anstellung Tikas eine Menge lernen konnten. Er war sehr dankbar und wäre gerne geblieben. Aber er ist dann doch zu seiner Frau nach Hamm gezogen, sie hat dort eine feste Arbeit“, sagte sie zum Schluss.

Hornow, 24.06.10

Yvonne Hanisch

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